die frau, deren körper nicht fertig wird

 

da hinten, dort, wo der fluss eine biegung macht, von hier aus kannst du es genau sehen,

dort liegt das kleine städtchen umseck. es existiert bereits so lange, dass alle welt

behauptet, umseck sei immer schon da gewesen. bewohnt wird es von menschen, wie es

sie auch in deiner stadt gibt, arbeiter stellen den größten teil, die angestellten sind etwas

weniger an zahl, die studierten machen nur noch eine kleine gruppe aus und die

besseren, die reichen kann mensch an zwei händen abzählen.

die regierungsgeschäfte können von allen durchgeführt werden, denn jeder bürger hat das

recht bei den freien wahlen zu kandidieren. auf diese demokratie sind sie sehr stolz und

üben sie auch fleissig aus. der gerechtigkeit hilft das wenig, denn obwohl die besseren

und studierten nicht die mehrheit im regierungsrat haben, so haben sie doch den längeren

atem, weil mehr geld zur verfügung steht. sie können es sich leisten schmiergelder zu

zahlen oder ungünstige entwicklungen einfach auszusitzen. der rest der bürger ist auf

monatlichen zahlungen angewiesen und so setzen die reichen ihre interessen immer

durch, gut versteckt und oft unbemerkt von den anderen. aber auch das ist wie in deiner

stadt.

wenn du von hier aus der strasse folgst, führt dich das direkt zum stadttor. es ist so groß,

dass zwei fuhrwagen nebeneinander durchpassen und steht somit in keiner relation zu

dem kleinem städtchen, das dich dahinter erwartet. doch auch darauf sind die umsecker

stolz. sie pflegen und hegen es, bringen die schweren holzflügel und die eisenbeschläge

der tür, mit dem das tor verschlossen werden kann, was seit dreieinhalb generationen

nicht mehr geschehen war, denn umseck ist weltoffen und auf das sind sie unheimlich

stolz, jedes jahr aufs peinlichste genau in ordnung. genauso die strassen, wege und

behausungen. egal ob es sich um eine wohneinheit, in der mehrere familien untergebracht

sind, um kleine häuschen oder um goße villen handelt, alle sind gut gepflegt und liebevoll

gestaltet. das ganze städtchen sieht proper aus und ist deshalb und wegen der

freundlichkeit der bürger ein beliebter ausflugs- und urlaubsort.

nur ein haus entsprach nicht dem schönen bild.

es lag ein bisschen von der stadt entfernt am waldrand. siehst du den großen stein, der

aus den baumwipfeln hervorlugt? senk deinen blick ein bisschen bis zur trauerweide. dort

wo der bach aus dem wald kommt, stand das häuschen. alt und verwahrlost. putz

bröckelte ab. das dach dick mit moos bewachsen. so klein, dass es nur ein zimmer hatte.

in alle himmelsrichtungen durch fenster geöffnet. zwei der fenster, das süd- und das

östliche waren zerschlagen und das fenster in den westen fehlte vollständig, sowie einige

der ziegel unterhalb. tiere hatten hier in vielen wintern unterschlupf gefunden und einige

waren geblieben. und so wohnten im dachboden fledermäuse, auf dem schornstein hatte

ein großer vogel sein nest gebaut, die stube teilten sich drei wilde katzen, es gab

schlangen und mäuse und zwischen den hohen wiesenblumen befanden sich

maulwurfshügel, eingänge zu wühlmausbauten und fünf ziemlich wehrhafte gänse.

es war alles seit langem sich selbst überlassen.

seit damals, als sich einige der bürger versammelt hatten, um das anwesen zu stürmen.

keiner weiß mit sicherheit, was in dieser nacht geschah. die, die sich nicht an der aktion

beteiligten, schlossen die fensterläden, um nichts zu sehen, nichts zu hören, um eben

nicht beteiligt zu sein. und die beteiligten sprachen nie auch nur ein wort darüber.

fakt ist, dass in der nacht die stimme der frau, die dort wohnte, durchs ganze städtchen

gellte. sie schrie: von nun an soll jeder, der nicht wahrhaftig aufrichtigen herzens ist,

dieses grundstück nicht mehr betreten können!

fakt ist auch, dass am nächsten morgen das haus in einem demolierten zustand war und

die frau nie wieder gesehen wurde.

von nun an taten alle so, als würde es dieses haus nicht geben. die meisten hätten es

gerne gesehen, wenn es abgerissen werden würde, doch ihr handeln beschränkte sich auf

 

das gelegentliche pflanzen eines strauches, natürlich in sicherer entfernung, um das haus

wenigstens nicht sehen zu müssen.

und allmählich begannen sie es zu vergessen.

eines tages, vor nicht allzu langer zeit, da begab es sich, dass eine wanderin nach umseck

kam. Sie war bereits einen langen weg gegangen, hatte nirgends dauerhaft unterkunft

finden können und war müde und erschöpft. ein schweres unglück hatte ihr die heimat

genommen und sie an leib und seele verwundet.

als sie nun zum brunnen am marktplatz kam, wusch sie sich den staub von händen und

gesicht, setzte sich auf die hölzerne bank, die nebenbei stand und atmete die sonne ein.

sie hörte der marktfrau zu, die mit ihren kunden schwatzte. vernahm die freude über ein

wiedersehen von alten bekannten, die bitten der kinder, die noch einen krapfen haben

wollten und mütter, die dies verneinten. ein wagen mit kisten polterte über den platz und

ein passant rief ihm zu, er solle gefälligst etwas langsamer fahren. es war wie in den

anderen städten, die die wanderin gesehen hatte. sie fragte sich, ob sie hier sesshaft

werden konnte. die menschen schienen freundlich zu sein, obwohl sie in alten, von dem

langem weg staubigen kleidern unterwegs war, wichen ihr die menschen hier nicht aus,

sondern hatten ihr mit dem kopf grüßend zugenickt.

sie hatte übung im finden günstiger unterkünfte und in den nächsten tagen erkundete sie

das städtchen und seine umgebung. beim nachtmahl plauschte sie mit der wirtin und den

anderen gästen und obwohl ihnen die wanderin etwas unheimlich war, waren doch alle

freundlich zu ihr. schließlich lebte der ort von besuchern, da konnte und musste mensch

über die eigenheiten der gäste hinweg sehen, auch wenn diese frau zu den wirklich

merkwürdigen käuzen gehörte, mit ihrem körper, der irgendwie zu verschwimmen schien,

so kurz, dass sich keiner seiner wahrnehmung sicher war und doch verstörend, fast

schwindelerregend, aber sie mussten sie ja nicht ansehen, oder wenigstens nicht lange

und bald würde sie abgereist sein und dann wäre nichts außer ihrem geld und einer

wirtshausgeschichte geblieben.

doch als ein monat vergangen war, breitete sich die nachricht wie ein lauffeuer aus. die

fremde (so wurde sie von nun an genannt und nicht mehr die wanderin) bleibt und sie wird

im haus der hexe wohnen. den älteren generationen blieb die luft weg. sie rannten zum

bürgermeister und stellten ihn zur rede, wie er so etwas genehmigen konnte. zerknirscht

gab er zu, nicht achtsam genug gewesen zu sein, er habe sich gerade in einem gespräch

befunden, einem hitzigen über eine verworrenen situation, in die er sogar einen mediator

aus der hauptstadt hatte einladen müssen und in einer gesprächspause hätten er und der

mediator draussen luft geschnappt und just in diesem moment sei die fremde aufgetaucht

und habe ihn nach einer dauerhaften unterkunft gefragt. er denke ja immer nur an das

wohl und die zukunft von umseck und die ansiedelung von neuen bürgern sei

grundsätzlich zu begrüßen, und da habe er vor lauter freude über wachstum nicht

aufgepasst und ihr eine unterkunft zugesagt. als er dann zu sich kam, nur wenige

sekunden später, war es ihm bewusst geworden, dass eigentlich keiner der bürger die

fremde hier wohnen haben wolle, doch da sei es eben schon passiert gewesen und

wegen dem mediator neben ihm konnte er seine zusage nicht mehr widerrufen, er habe

aber noch relativiert und hinzugefügt, wenn sie eine unterkunft findet, ist das kein problem.

er habe vertraut, dass keiner mit ihr einen dauerhaften mietvertrag eingehen würde, aber

dass sie sich in dem alten haus einnistet, welches er, das müsse er zugeben, völlig

vergessen hatte, mit dem habe er nicht gerechnet, doch nun sei es zu spät, er könne

nichts mehr tun.

die wanderin war erfreut gewesen, als sie die zusage des bürgermeisters erhalten hatte

und noch mehr gefreut hatte sie sich, als ihr weg sie zu diesem alten haus brachte,

dessen zustand dem ihren so ähnelte, dass sie es als fügung des schicksals betrachtete

 

und voller zuversicht daran ging, das haus in stand zu setzen, um darin genesen und

leben zu können.

das loch in der westlichen mauer wurde bis zum boden erweitert und zur tür in den anbau,

den sie mit holzbrettern, die sie auf dem grundstück gefunden hatte, zimmerte. in den

anbau legte sie eine rohrleitung, die wasser aus der riesigen regentonne in eine wanne

und durch ein weiteres rohr wieder hinaus leitete. ihren therapieraum nannte sie diese

konstruktion liebevoll. sie reparierte die fenster, die mauern, die böden und die tür, sie ließ

jedoch die fledermäuse und die katzen und all das andere getier im hause bei sich

wohnen. im garten errichtete sie einige beete, in denen sie gemüse und obst und kräuter

zog, ansonsten durfte die hohe wiese mit all ihren bewohnern weiter bestehen.

und so war fast ein jahr vergangen, in dem sie die bürger selten zu gesicht bekommen

hatten. doch nun stand weihnachten vor der tür und die umsecker wurden sich schlagartig

wieder der fremden bewusst. denn in diesen tagen wurde, wie jedes jahr im advent,

aufgerufen tannenreisig und -zapfen, misteln, und moos zu spenden, damit die stadt in der

besinnungsreichen zeit schön geschmückt werden konnte. und da kam die fremde und

brachte reisig und zapfen und misteln und moos und ging nicht sofort wieder nach hause,

sondern half auch noch beim binden der kränze und gestecke.

ab nun half sie bei allen gemeinschaftlichen tätigkeiten und auch noch jenen, die alt,

gebrechlich oder krank waren und auch jenen, die sonst irgendeiner hilfe bedurften. sie

schien es einfach zu wissen und war da. ungefragt. und brachte oder tat die dinge, die

benötigt wurden.

das machte manche umsecker unruhig. dass sich die fremde aber auch so in die belange

des städtchens einmischte, war ihnen nicht geheuer. ihr werdet schon noch sehen, die

macht das nur, weil sie sich ein erbe erhofft. so sagten sie, als sie der alten frau

grünstengel vorlas. frau grünstengel hatte zwei söhne, sehr beschäftigte söhne, die an

geld alles zur verfügung stellten, die besten pflegerinnen engagiert hatten, um der mutter

den lebensabend zu erleichtern. und auch sich selbst, denn als pflegende angehörige

konnten sie sich nicht sehen. doch pflegerinnen haben keine zeit zum vorlesen. und frau

grünstengel liebte geschichten. ihre augen machten das lesen eines buches aber nicht

mehr mit und so war sie auf das angenehmste erfreut, als nun an den nachmittagen oder

auch abends, je nachdem wie clara, so hieß unsere wanderin, zeit fand, wieder ferne

länder mit ihren bewohnern und erlebnissen, spannende aufsätze der physik oder

philosophie oder auch fabelwelten und -wesen ihre stube bevölkerten. und als sie dann

starb, hatte sie auch wirklich einen teil ihres großen vermögens für clara bestimmt. da

machten sich die umsecker schon bereit, nichts von dem kampf zu versäumen, denn dass

die söhne dieses testament anfechten würden, dessen waren sie sich sicher. doch das

gericht bleib leer.

was soll ich mit geld? fragte clara. die besten ärzte können mir nicht helfen, die haben

mich vor langer zeit aufgegeben, als unheilbar deklariert und die therapien eingestellt. und

ich habe hier alles was ich zum leben und darüber hinaus brauche. also was soll ich mit

geld, außer mich beschweren? danke, aber nein danke.

da wurden manche umsecker bissig. „glaubt die, dass die besser ist als wir? dass sie

einfach in unsere stadt spazieren und sich hier breitmachen kann? der werden wir es

zeigen!“

und als sie dem kranken oberhofer suppe brachte, mit kräutern aus dem eigenen garten,

die ihm sicher helfe, bald wieder zu genesen, da besuchten sie den alten am gleichen tag

und erzähltem ihm so allerlei, und kamen dann auch auf den garten der fremden zu

sprechen, in dem der vinz giftige pflanzen gesehen habe. aus dem wald sei er gekommen

und da habe ihn der weg vorbei geführt und einen blick habe er hinein getan und da

standen gehegt und gepflegt die giftigen pflanzen, den namen habe er vergessen, er sei ja

nicht so bewandert wie der vinz mit den grünzeug, aber dass der vinz ganz erschrocken

 

geschaut habe, das zeige doch wie gefährlich diese fremde sei, denn der vinz sei ja ein

gestandener mann, den nichts so schnell erschrecke.

der alte oberhofer dachte darüber nach, den restlichen tag und die ganze nacht, auch er

war nicht schnell erschrocken und schließlich wusste er, dass die dosis das gift macht,

aber da er viele stücke auf den vinz hielt, so kam er zu dem schluß, dass es sich um eine

ernste sache handeln musste.

und am nächsten tag verweigerte der alte oberhofer die suppe anzunehmen. er wolle

keine umstände machen und sei ja schon wieder auf den beinen, er danke ihr ganz

herzlich, bedürfe ihrer hilfe aber nicht mehr.

so hat es angefangen, ein paar flüchtig hingeworfene bedenken, verdrehte wahrheiten

oder frei erfundene lügen genügten, dass immer weniger bürger privaten kontakt zuließen.

clara bemerkte dies wohl und es stimmte sie traurig. so war es auch an all den anderen

orten gewesen. sie hatte gehofft, war der illusion erlegen, da anfangs alle so freundlich

waren, aber nun würde ihr nur noch kurze zeit bleiben, bis sie weiterziehen musste. wenn

sie doch nur irgendwo lange genug bleiben könnte, um ihre therapie zu vollenden. so

jedoch wurden während der wanderung zum nächsten aufenthaltsort alle bemühungen

zunichte gemacht, langsam aufgebraucht und sie musste immer wieder von vorne

beginnen. deshalb intensivierte sie ihre körperarbeit, denn hier fand sie gute bedingungen,

um ihrem körper eine spürbare feste grenze zu geben. am wichtigsten war der bach neben

dem haus, in dem sie täglich ein bad nahm und das regenwassser im anbau, welches sie

ebenfalls taglich über ihren körper laufen ließ. es schien ihr, dass der kontakt mit

flüssigkeit die ebenfalls flüssig erscheinende, verschwimmende grenze ihres körpers

zwang eine feste barriere zu bilden. dann würde es den menschen sicher leichter fallen,

mit ihr auszukommen.

sie wusste es nicht, denn keiner hatte es ihr je gesagt, aber die menschen fanden sie

unnahbar, unberührbar, es schien ihnen, als könnten sie sie nicht fassen und das machte

ihnen angst. es kann doch nicht angehen, dass da eine mit fragwürdigem aussehen

kommt und sich um unsere alten und kranken kümmert. so sagten sie.

vergesst nicht die anderen bedürftigen, sie hilft jedem! erinnerte ein mädchen, das in

ihrem herzen noch einen platz für naivität hatte und erntete böse blicke.

in unserer Stadt brauchen wir so etwas nicht, keiner ist so arm, dass er hunger leiden

muss und keiner so krank, dass wir ihm nicht auch helfen könnten. sie mischt sich ein, sie

will die kontrolle, anders ist es nicht zu erklären.

ja, es geht ihr nur um macht! deshalb wohnt sie auch im haus der hexe.

wir müssen etwas unternehmen.

aber sie muss doch wahrhaft aufrichtigen herzens sein, sonst könnte sie dort nicht

wohnen. getraute sich das mädchen noch einmal zu sprechen, senkte jedoch gleich

wieder den kopf und fügte hinzu: so hat es mir meine oma erzählt.

nein, die fremde steht mit dunklen mächten im bunde. schrie da der eine.

sie badet jeden tag im bach, sie vergiftet unser wasser! schrie da der andere.

sie soll verschwinden, wir wollen wieder in ruhe leben können. schrieen nun mehrere.

in der nächsten neumondnacht machte sich ein trupp menschen, die sich selbst für mutig

hielten, aber alles andere als das waren, auf und nur die wenigen tiere, die des nachts

sehen können, könnten uns erzählen, was mit der wanderin geschah.

in umseck sah sie keiner jemals wieder.

eine woche später wurde eine feuerwehrübung abgehalten.

beim haus der hexe.

„übung zur verhinderung des übergreifens der flammen“

das haus wurde angezündet und brannte vollständig ab.

der wald wurde geschützt.

abends feierten sie am marktplatz das erfolgreiche gelingen der übung.